Predigt von Pfarrer i.R. Martin Rösch
Predigt „Was ist gemeint mit dem „neuen Bund“ in den Einsetzungsworten des Abendmahls“
(1. Juni 2025, Pfarrer i.R. Martin Rösch, Evangelische Kirche Steinen)
Wenn wir heute das Heilige Abendmahl miteinander feiern, so gehört dazu, dass die Einsetzungsworte gesprochen werden. So hat Jesus zu seinen Jüngern gesagt, damals beim Passah-Mahl in der Nacht vor seiner Verhaftung – beim Austeilen des Kelchs mit Wein –:
„Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies, so oft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“
Ich will heute ein wenig eingehen auf das Stichwort „der neue Bund“. Was macht den Bund, vom dem Jesus hier spricht, zum neuen Bund? Wenn es einen neuen Bund gibt, so liegt der Schluss nahe, dass es mindestens einen, wenn nicht sogar mehrere vorangegangene Bundesschlüsse gegeben hat. Genau davon legen die Schriften des ersten Teils der Bibel Zeugnis ab, auch „Altes Testament“ genannt.
Zunächst ein Blick auf den Bund Gottes mit Abraham, einem der Erzväter Israels. Gott beginnt seine Geschichte mit ihm, indem er ihn mit seiner Familie aus dem Zweistromland, im heutigen Irak gelegen, herausruft – auf den Weg nach Kanaan. Seinen langen Weg betrachten wir heute nicht, wohl aber, was Gott ihm an Zusagen macht:
…ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. (1. Mose 12,3f.)
Aus Abraham soll ein großes Volk werden, aber dies ist nicht das einzige Vorhaben Gottes mit ihm. Er soll ein Segen werden für die ganze Menschheit: „alle Geschlechter auf Erden.“ Welcher Mensch hat jemals eine solche Bedeutung erlangt – sehen wir einmal ab von Jesus, dem Nachkommen Abrahams!
Im Evangelium nach Matthäus heißt es dazu:
Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. (Matthäus 1,1)
Mehrfach wird im 1. Buch Mose davon berichtet, wie Gott mit ihm einen Bund geschlossen hat, ihm Nachkommen versprochen hat – trotz seines hohen Alters – und seinen Nachkommen auch ein Land als Heimstätte versprochen hat, das Land mit dem damaligen Sichem als Mittelpunkt, heute „Nablus“ genannt.
Um dieses Gebiet wird heute gestritten. Sichem ist heute eine rein arabische, keine jüdische Stadt. Sie ist aber umgeben von jüdischen Siedlungen.
Hören wir auf einen Abschnitt aus Kapitel 17 im 1. Buch Mose. Gott sagt Abraham zu:
…ich will dich sehr fruchtbar machen und will aus dir Völker machen und Könige sollen von dir kommen. Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht, dass es ein ewiger Bund sei, sodass ich dein und deiner Nachkommen Gott bin. Und ich will dir und deinem Geschlecht nach dir das Land geben, darin du ein Fremdling bist, das ganze Land Kanaan, zu ewigem Besitz und will ihr Gott sein. (1. Mose 17,6-8)
Abraham hatte Gott gefragt: Wie sollte er darauf vertrauen können, dass Gottes Zusagen in Erfüllung gehen würden? Gott hat ihm daraufhin ein Zeichen gegeben, ein eindrückliches Erlebnis. So wird uns schon in Kapitel 15 im 1. Buch Mose berichtet über das Reden und Handeln Gottes:
Bringe mir eine dreijährige Kuh, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder, eine Turteltaube und eine andere Taube. Und er (Abraham) brachte ihm (Gott) dies alles und zerteilte es in der Mitte und legte je einen Teil dem andern gegenüber; aber die Vögel zerteilte er nicht.
Als nun die Sonne unterging, fiel ein tiefer Schlaf auf Abram (so war sein ursprünglicher Name), und siehe, Schrecken und große Finsternis überfiel ihn… Als… es finster geworden war, siehe, da war ein rauchender Ofen, und eine brennende Fackel fuhr zwischen den Stücken hin. (1. Mose 15,9f.12)
Das muss eine reichlich blutige Angelegenheit gewesen sein! Blutvergießen hat immer wieder zu den Bundesschlüssen Gottes mit Abraham und seinen Nachkommen gehört.
Soviel zum Abraham-Bund. Kommen wir nun zu einem nächsten Bund, zum Sinai-Bund. Nach der Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten, wendet sich Gott den Nachkommen Abrahams zu, inzwischen zum Volk geworden. Gott erscheint auf dem Berg Horeb in der Wüste Sinai. Spektakulär geht es dabei zu: Eine Wolke, aus der Blitz und Donner zu sehen und zu hören sind, senkt sich auf den Berg. Mose, der Vertreter des Volkes, erhält auf Steintafeln die Regeln für das Miteinander von Gott und seinem Volk und für das Miteinander in diesem Volk, die Zehn Gebote. Diese Gebote gehören zu den Bestimmungen für den Bund Gottes mit seinem Volk. Von blutigen Tieropfern ist dort noch nicht die Rede. Bestimmungen, wie das Volk von seinen Sünden zu reinigen ist – auch durch das Vergießen von Tierblut – werden aber ausgiebig noch während der Wanderung durch die Wüste erlassen. Dazu gehört die Bestimmung, dass einmal im Jahr der Hohepriester im sog. Zelt der Begegnung vor Gott treten soll, häufig „Stiftshütte“ genannt. Vor die Bundeslade soll der Hohepriester treten.
Dies war eine Truhe, in der die Steintafeln mit den Zehn Geboten aufbewahrt wurden. Das Blut eines Ziegenbocks wurde durch den Hohenpriester über der Bundeslade versprengt. Dieser Ziegenbock vergoss sein Blut stellvertretend für das Volk. Jährlich vor der Bundeslade und viele Male während des Jahres bei den Tieropfern im Sinne von Sündopfern wurde deutlich: Das Missachten der Gebote Gottes führt zum Tod. Wiederholte Tieropfer lassen Menschen aber zeitlich begrenzt am Leben.
Gerade hatte Mose als Vertreter seines Volkes die Tafeln mit den Geboten Gottes erhalten. Schon aber war eines der Gebote gebrochen worden:
Du sollst dir keine gegossenen Götterbilder machen. (2. Mose 34,17)
Es sollte sich über Jahrhunderte hinweg zeigen, dass das Volk Israel trotz wiederholter gegenteiliger Beteuerungen nicht in der Lage war, gemäß den Geboten Gottes zu leben. Auch wiederholte Aufrufe zur Umkehr hin zu Gott durch die Propheten, auch manches Bemühen, von Fehlverhalten abzulassen, haben am Gesamtbild nichts geändert. Der Bund Gottes mit Israel ist vonseiten des Volkes immer wieder gebrochen worden.
Schließlich aber hat Gott durch einen seiner Beauftragten, den Propheten Jeremia, das Folgende ankündigen lassen:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;
sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.
Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. (Jeremia 31,31-34)
Der Hebräerbrief im Neuen Testament zitiert wortwörtlich aus dem Buch des Propheten Jeremia und kommt zu dem Schluss:
Indem er (Gott) sagt: »einen neuen Bund«, hat er den ersten zu einem alten gemacht. Was aber alt wird und betagt ist, das ist dem Ende nahe. (Hebräer 8,13)
Bedeutet dies nicht: Es handelt sich bei diesem neuen Bund nicht um einen erneuerten, sondern um einen gänzlich neuen, neuartigen Bund?
Gehen wir nun auf die Einsetzungsworte des Abendmahls zu, in denen der neue Bund vorkommt, überliefert beim Apostel Paulus im 1. Brief an die Korinther. Danach hat Jesus seinen Jüngern erklärt:
Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. (1. Korinther 11,25)
Mir ist es ein Anliegen, zu betonen, dass mit diesem Ausdruck „zu meinem Gedächtnis“ nicht nur „Erinnerung“ gemeint ist im Sinne eines Gedenkens an sein Leiden und Sterben, an sein am Kreuz vergossenes Blut, auch wenn es darum sehr wohl geht. Im biblischen Wort, im hebräischen Wort, das hinter den deutschen Wörtern steht, steckt mehr als dies. Es geht darum, dass beim Trinken aus dem Kelch eine Begegnung mit Jesus geschieht, dass er uns begegnet, dass er in unser Denken, in unser Empfinden, in unseren Leib hineinkommt. Wie dies möglich wird, das bleibt für uns ein Geheimnis. Wir müssen das nicht durchschauen. Wichtig ist das „Dass“ der Begegnung mit Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen.
Jesus stellt heraus: Durch sein am Kreuz vergossenes Blut wird der neue Bund geschlossen, der neue Bund Gottes mit seinem Volk Israel. Jesus hat seine Worte ja gesprochen vor seinen zwölf engsten Vertrauten, den Vertretern der zwölf Stämme Israels. Nun können wir fragen: Was geht uns das an, die nicht zum Volk Israel gehören? Darauf ist zu sagen: Sehr viel geht uns das an. Weshalb? Weil wir durch das Vertrauen auf Jesus, durch den Glauben an Jesus, Zugang finden zu seinem Vater, aber auch zu den Nachkommen von Abraham. Der Apostel Paulus hat im Brief an die Christen in Rom auf Abraham Bezug genommen, auf jene Zusage Gottes, dass er Vater vieler Völker werden sollte. Ich verstehe den Apostel Paulus so: Wir dürfen unabhängig von unserer Volkszugehörigkeit zum großen Volk Gottes gehören, das mit ihm im Reinen ist, unter seinem Wohlwollen lebt. Wir dürfen eintreten in den neuen Bund Gottes mit seinem erstgeliebten Volk Israel, in den Bund, den Jesus durch sein blutiges Sterben ermöglicht hat. Abraham hilft uns dabei. Er hat Gott – nach Zweifeln – vertraut, dass er ihm trotz seines hohen Alters einen Sohn schenken würde. Dieser ist tatsächlich geboren worden: Isaak. Abraham ist auch bereit gewesen, diesen seinen Sohn zu opfern. Er hat darauf vertraut, dass Gott auch seinen geopferten Sohn auferwecken könnte. Dazu ist es nicht gekommen, wird uns im ersten Buch Mose berichtet. Gott hat in letzter Sekunde nicht auf diesem Opfer bestanden. Abraham ist für uns zum Vorbild geworden, zu einem Beispiel dafür geworden, was Vertrauen auf Gott heißt. Menschen wie du und ich, wir dürfen es halten wie Abraham, uns ganz und gar darauf verlassen, dass Gott für uns sorgt. Wir dürfen uns ganz und gar darauf verlassen: Wir müssen und können uns das Wohlwollen Gottes nicht durch Wohlverhalten erkaufen. Mit diesem Bemühen würden wir ohnehin scheitern. Noch so viele guten Taten würden nicht ausgleichen, was wir Gott und Menschen schuldig geblieben sind, was wir Gott und Menschen Übles angetan haben.
Der Hebräerbrief im Neuen Testament vergleicht die blutigen Tieropfer, die über lange Zeit durch das Volk Israel vor Gott gebracht worden sind, mit dem Selbstopfer von Jesus. In der Wiedergabe durch die Neue Genfer Übersetzung lautet dies so:
Das Blut Christi… hat eine unvergleichlich größere Wirkung. Denn als Christus sich selbst, von Gottes ewigem Geist geleitet, Gott dargebracht hat, war das ein Opfer, dem kein Makel anhaftete. Deshalb reinigt uns sein Blut bis in unser Innerstes; es befreit unser Gewissen von der Belastung durch Taten, die letztlich zum Tod führen, sodass es uns jetzt möglich ist, dem lebendigen Gott zu dienen. (Hebräer 9,14)
Der 1. Johannesbrief fügt dieser Wahrheit eine weitere hinzu:
Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. (1. Johannes 1,8f.)
Dieser Brief betont auch, weshalb das möglich ist, dass Gott vergibt:
…das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. (1. Johannes 1,7)
Eines dürfen wir uns ebenfalls gesagt sein lassen und uns darüber freuen. Gott hat durch seinen Propheten Jeremia betont: Der neue Bund hilft nicht nur dazu, dass wir unsere schuldhafte Vergangenheit bewältigen können, Vergebung erhalten. Der neue Bund hilft uns auch dazu, dass wir unter dem Ja Gottes leben können, so, dass er zu unserem Tun und Lassen „Ja“ sagen kann. Zum neuen Bund gehört auch, dass wir erfüllt werden vom Geist Gottes. Dieser treibt uns dazu an, dass wir freiwillig – nicht unter Druck und Zwang – Gutes tun und Böses lassen. In diesem Sinne hat Paul Gerhardt in einem Morgenlied gedichtet und gesungen:
„Treib unsern Willen, dein Wort zu erfüllen, hilf uns gehorsam wirken deine Werke; und wo wir schwach sind, da gib du uns Stärke. Lobet den Herren!“
Ja, wir dürfen auch so singen und den Heiligen Geist bitten – ganz allein für uns und bei nächster Gelegenheit im Gottesdienst.
Amen.