mit Pfr. Ingo Meißner und Chrisina Sheedy an der Harfe
Psalm 100
Predigt: Jesaja 49, 16
Lieder:
- EG 321: Nun danket alle Gott
- Siehe, in meine Hände, habe ich dich gezeichnet
- EG 331: Großer Gott, wir loben dich
CCLi Liedlizenz 5100265
Predigt zu Jesaja 49,16 „In Gottes Hände eingezeichnet“
Konfirmation am 05.05.2024
(Pfr. Ingo Meißner, Petruskirche Steinen)
„Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet, spricht der Herr.“
Gott spricht durch den Propheten Jesaja diese Worte in eine sehr schwierige, fast hoffnungslose Zeit.
Die Menschen, an die diese Worte gerichtet sind, haben ihre Heimat verloren. Israel wurde damals von fremden Mächten zerstört. Jerusalem, die Hauptstadt geplündert, der Tempel – den Ort der Gegenwart Gottes - dem Erdboden gleichgemacht. Die Stadtmauer eingerissen. Ein Bild der Verwüstung.
Und damit sich der Staat Israel nicht mehr so schnell erholen kann und zu alter Stärke findet, wurde der Großteil der Bevölkerung weit weg nach Babylon - im heutigen Irak - zwangsumgesiedelt. Weg aus Israel.
Und die Menschen fragten sich dort: „Wo ist Gott in all dem? Hat er uns verlassen? Hat er uns – sein Volk – im Stich gelassen?“
Und genau in diese trost- und freudlose Situation redet Gott.
Und er redet zu „Jerusalem“. Eigentlich der Stadtname, meint aber zugleich das ganze Volk Gottes.
Ich lese ein paar Verse vor und um unsere Stelle Handzeichnungstelle herum. Jes 49,14-18 (HfA):
Jerusalem klagt: »Ach, der Herr hat mich im Stich gelassen, er hat mich längst vergessen!« Doch der Herr antwortet:
»Kann eine Mutter ihren Säugling vergessen? Bringt sie es übers Herz, das Neugeborene seinem Schicksal zu überlassen? Und selbst wenn sie es vergessen würde - ich vergesse dich niemals! Unauslöschlich habe ich deinen Namen auf meine Handflächen geschrieben, deine zerstörten Mauern habe ich ständig vor Augen!
Viele Menschen eilen herbei, um dich wieder aufzubauen, und deine Feinde, die dich zerstört und verwüstet haben, machen sich davon. Schau dich um! Von überall strömen die Heimkehrer herbei. So wahr ich lebe: Du wirst dich mit ihnen schmücken wie mit kostbarem Schmuck; dann stehst du da wie eine Braut an ihrem Hochzeitstag. Das verspreche ich dir!
Gott sagt zu seinem Volk: ich habe dich nicht vergessen. Ich kann dich nicht vergessen. Und ich werde dein Unglück wieder in Glück und Jubel verwandeln. Das verwüstete Land, die verwüstete Stadt wird wieder vieler voller Bewohner. So viele, dass die Stadt aus allen Nähten platzen wird. So heisst es ein paar Verse später.
Und Gott gebraucht hier wunderbare Bilder: „kann eine Mutter ihren Säugling vergessen, das Neugeborene seinem Schicksal überlassen?“ Nein – natürlich nicht!
Und nun der Vers, der für diese Konfirmation im Mittelpunkt stehen soll:
„Und selbst wenn eine menschliche Mutter je ihr Kind vergessen würde - ich vergesse dich niemals! Unauslöschlich habe ich deinen Namen auf meine Handflächen geschrieben, deine zerstörten Mauern habe ich ständig vor Augen!“
„Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet, spricht der Herr“.
OK, jetzt machen wir mal einen kleinen Gedankensprung in die heutige Zeit. Ein Thema, was mit unserem Text erstmal gar nichts zu tun zu haben scheint. Doch wartet mal ab…
Tattoos – wer von euch hat irgendwo eine Tätowierung am Körper? Tattoos sind ja mittlerweile hip und modern. Viele tragen diese mehr oder weniger versteckt an verschiedene Körperstellen.
Was hat es mit Tattoos auf sich?
Das Wort "Tattoo" geht auf das tahitische Wort "Tatau" zurück, was so viel bedeutet wie "Wunden schlagen". Mit „Tatau“ bezeichnete man auf den Inselgruppen Polynesiens – also irgendwo zwischen Australien und USA - den traditionellen Akt der Körperverzierung.
Tattoos lassen sich sehr weit zurückverfolgen. Schon an der Gletschermumie „Ötzi“ – immerhin 5300 Jahre alt - finden sich Tätowierung.
Tätowierungen hat man auch an ägyptischen Mumien und bei anderen Völkern als rituelle Verzierungen und Zugehörigkeitszeichen gefunden. Auch im alten Orient.
Sogar in früher christlicher Zeit gab es wohl Neubekehrte, die sich ein Kreuzsymbol auf die Stirn ritzten, um zu zeigen: ich gehöre Jesus Christus.
Später folgten Kreuzritter diesem Brauch und stachen sich ein ebenfalls Kreuz in die Haut. Im europäischen Mittelalter verbreiteten sich christlich-religiöse Tätowierungen. So ist von dem Gelehrten und Mystiker Heinrich Seuse, der im 14. Jahrhundert lebte, überliefert, dass er sich den Namen Jesus auf die Brust tätowiert habe.
Tattoos waren aber auch etwas in Verruf geraten, weil sie auch als Sklavenmarkierung dienten. So wie ein Brandzeichen bei Tieren.
Viel besser wurde der Ruf der Tattoos auch nicht, als sie Seeleute aus fernen Ländern nach Europa mitbrachten. Matrosen hatten so etwas. Die, die dann in den Hafenvierteln abhingen.
Und auch in Gefängnissen – bis heute übrigens – lassen sich Insassen entsprechende professionelle oder selbstgemachte Tattoos anbringen.
Wer heute sich Tattoos anbringen lässt, geht in ein entsprechendes Studio. Dort wird dann unter hygienisch sauberen Verhältnissen mit einer Tätowiernadel – einer Art mobiler Nähmaschine mit angeschlossenem Tintenfass – dann die Tinte unter die Haut gearbeitet. Es wird eingestochen.
Ich selbst habe keine Tattoos, aber ich habe mir sagen, lassen, dass es durchaus auch eine schmerzhafte Sache ist. Je nach Hautstelle, sogar sehr schmerzhaft.
Es geht also schmerzhaft unter die Haut. Und dann ist es dort. Und dann bleibt es dort auch. Für alle Zeiten sichtbar. Und man kann es allenfalls unter großen Mühen, sowohl an Zeit als auch Kosten, wieder weglasern lassen. Funktioniert aber auch nicht immer…
Warum erzähle ich das jetzt vom Tätowieren?
Gehen wir wieder zu der Stelle im Alten Testament zurück.
Im Deutschen heißt unsere Stelle: „in meine Hände habe ich dich gezeichnet.“ Und wir denken da an einen schönen Stift, mit dem zart der Name in die Handfläche geschrieben wird.
Doch das Wort, das mit „Zeichnen“ übersetzt wird, heisst im hebräischen „hakak“ (Hebr. חָקַק ḥâqaq) Es meint eigentlich eingravieren, einkratzen, hineinschnitzen. Hakak – das hört sich auch nach „hacken“. Da wird ein etwas eingehackt, eingraviert.
Und wenn tätowiert wird, dann wird die Tätowiernadel nicht sanft unter die Hart geschoben, sondern in schnellem Stakkato in die Haut gehackt.
Also wörtlich müsste man die Bibelstelle eher übersetzen mit: in meine Hände habe ich dich eingekratzt, eingraviert, hineingehackt.
Jetzt stellt euch vor: Gott sagt zu seinem Volk, sagt zu uns: in meine Hände habe ich dich eingraviert. Gewissermaßen eintätowiert.
Zwei Aspekte finde ich dabei wichtig, die ich gerne mit euch teilen möchte:
Der eine: Gott hat uns immer vor Augen.
Eine Handschrift in der Hand – so wie ihr Schüler manchmal eure Notizen in und auf die Hand schreibt – dient es euch als Erinnerungsstütze, dass euch nichts verloren geht. Manchmal auch als Spickzettel. Ihr könnt es immer sehen. Auf die Hände sieht man immer. Die Hand hat man stets vor Augen.
Doch die Kuli- oder Tintenschrift verschwindet mit der Zeit. Spätestens mit einer der nächsten Duschen.
Doch Gott sagt zu seinem Volk, sagt zu uns: bei mit seid ihr dauerhaft eingraviert. Eintätowiert. Ihr verschwindet nicht aus meinem Blickfeld. Ich habe euch immer vor Augen. Dauerhaft. Deinen Namen kann man nicht mehr abwaschen.
Du gehst nicht vergessen. Was auch komme.
Du bist ein Gott, der mich sieht... Es gibt viele „Seh“-Geschichten in der Bibel. Wo Gott auch die sieht, sich um die kümmert, die sonst keiner sieht. Und genauso bei Jesus Christus, der sich bewusst denen zuwendet, die kein Ansehen in der damaligen Zeit hatten: Kranke, Einsame, gesellschaftlich an den Rand gedrängte Menschen.
Sie sind in seinen nicht vergessen. Du bist von ihm nicht vergessen. Er sieht dich in deiner Situation: die vielleicht auch schwer ist. Wo du zu tragen hast.
Wo du vielleicht auch wie die Juden damals Gott fragten: „Herr, hast du mich vergessen? Wo bist du? Ich spüre dich nicht in meinem Leben!“
Ja, diese Gefühle kann es geben. Und Gott kann mit diesem Zweifel, mit dieser Anklage umgehen.
Doch lass es nicht dabei bewenden. Erwarte immer wieder neu, dass Gott auch in deinem Leben eingreifen kann und möchte. Dass er auch dir in seiner barmherzigen, liebenden, ermutigenden – manchmal auch ermahnenden – Weise begegnet. Halte dich immer wieder neu Gott hin und lass ihn nicht enttäuscht irgendwann „den lieben Gott sein“. Enttäuscht, weil er nicht so handelt, wie du es dir vielleicht wünschst.
Halte dich Gott hin. Indem du Gott in gedachten oder ausgesprochen Worten einfach das nennst, was dir gerade Mühe macht. Und bitte ihn, erwarte es, dass er eingreift. Auf seine Weise. Zu seiner Zeit. Aber immer rechtzeitig und letztlich zu deinem Wohl.
Gott hat uns – er hat dich immer und dauerhaft vor Augen. In seine Hände eintätowiert.
Der zweite Gedanke ist: Wir gehen ihm im wahrsten Sinn des Wortes „unter die Haut“. So wie die Tinte beim Eingravieren, beim Eintätowieren unter die Haut geschoben wird, so gehen wir mit diesem Bild gesprochen auch Gott „unter die Haut“.
Das Einstechen ist ein schmerzhafter Prozess. Und Gott nimmt das auf sich, um unsere Namen immer vor Augen zu haben.
Gott leidet mit uns. Du bist ihm so wichtig, dass es ihm überhaupt nicht egal ist, wie es dir geht. Was du gerade durchmachst. Dein Leben geht ihm unter die Haut.
Er weiß sehr wohl, was du mitmachst. Er hat das alles selbst mitgemacht. Und er kam selbst auf die Welt. In seinem Sohn Jesus Christus. Lebte ein Leben, wie Menschen es führen. Freute sich, lachte, feierte. Aber litt auch. Kaum vorstellbare Qualen. Bis zum Tod am Kreuz. Damit alle, die an ihn glauben, ein Leben führen können, das eine Ewigkeitsperspektive hat. Schon hier und jetzt. Und erst recht nach unserem Tod auf immer mit ihm in enger Gemeinschaft verbunden zu sein. Wo es dann keinen Tod, kein Leid, keine Schmerzen und kein Geschrei mehr gibt.
Es kann jedoch sein, dass wir Menschen den Eindruck haben, dass Gott irgendwie unbeteiligt alles aus sicherer Distanz in dieser Welt beobachtet. Gewissermaßen als Zuschauer. Dass wir den Eindruck haben, dass er mal schaut, was wir Menschen so mit unserem freien Willen alles zustande bringen oder auch verbocken. Und er entweder nicht eingreifen möchte, oder es nicht kann. Und viele Menschen zweifeln, ja verzweifeln dann an diesem Gott und lassen ihn los.
Doch der Anschein des machtlosen oder unbeteiligten Gottes trügt. Gott könnte mit einem Fingerschnipsel den Kriegen der Welt wehren, Kranke gesund machen, Arme reich, Unbedeutende bedeutend, Tote wieder lebendig. Aber aus irgendeinem Grund lässt uns Gott viel Freiheit und mutet uns manchmal auch sehr viel zu. Und wir werden vermutlich erst nach unserem Tod einmal von Gott selbst eine Auflösung dieses Geheimnisses erfahren,
In einer anderen Predigt hatte ich darüber gesprochen, wie Gott auch einem Glaubenshelden wie Abraham eine riesige Glaubensprobe zumutete. An der er fast zerbrach. Und Abraham zwar nicht verstand warum und wieso, aber dann nach überstandener Herausforderung Gott umso mehr dankte und lobte und sein Glaube weiter in die Tiefe gewachsen ist.
Ich selbst merke immer wieder, dass Lebenskrisen mich bislang nicht in die Knie gezwungen haben. Sondern dass ich im Vertrauen auf Gottes Dabeisein immer wieder erleben durfte, wie er auf wunderbare Art und Weise in mein Leben eingreift. Ich mich gesehen fühle. Mich getragen fühle. Auch in den Stürmen, die auch bei mir immer wieder mal toben. Wie das?
Wenn ich in der Bibel lese und merke, wie Gottes Herz trotzdem – trotz allem, was ich so tue oder auch unterlasse – sich mir immer wieder zuwendet. Dass er seine Menschen – dich und mich – einfach nicht loslassen kann. Nicht loslassen möchte. Nicht weil wir so toll sind. Sondern einfach, weil er uns so lieb hat.
Wenn ich überraschend inneren Frieden, innere Gelassenheit, innere Freude, die plötzlich durch sein Wirken wächst, erlebe – ohne, dass ich es mir selbst einreden kann.
Wenn ich eben beim Lesen, seines Wortes, der Bibel auf eine Textstelle, einen Satz stoße, der mich unmittelbar berührt. Und ich merke: ich bin gemeint. Und es baut mich auf.
Wenn durch liebe Menschen, die Gott mir über den Weg schickt, die mich ermutigen, mich unterstützen, mir zeigen: ich bin nicht allein.
Wenn ich all das immer wieder wahrnehme. Dann wächst in mir immer mehr die Begeisterung für diesen Gott – diesen Vater, Sohn und Heiligen Geist – der mich sieht. Der mich immer vor Augen hat. Dem ich mit meinem Leben unter die Haut gehe. Und ich kann dann nicht anders als davon zu erzählen und zu singen.
Genau das wünsche ich euch allen – aber heute auch ganz besonders euch Konfis: lasst euch weiterhin auf diesen Gott ein. Lasst ihn nicht los. Rechnet mit seiner Gegenwart auch in eurem Leben. Erwartet, dass er euch sieht, sich für euch interessiert. Hört nicht auf ihm mit euren Dingen in den Ohren zu liegen. Ihn zu bitten.
Und merkt dann: er hat auch deinen Namen fest in seine Hand tätowiert. Er sieht dich. Du gehst ihm unter die Haut.
Sodass du dann auch von diesem Gott immer mehr begeistert bist, von diesem Jesus Christus und auch anderen davon erzählst und sie auch in die Jesus-Nachfolge einlädst!
Als kleines Zeichen dafür, dass ihr bei Gott fest eingraviert seid, schenken wir euch spezielle Bibeln. Speziell erstens, weil ihr euch die Bibel jeweils selber aussuchen durftet. Speziell aber vor allem, weil eine Künstlerin euren Konfivers in besonders schön gestalteter Schrift dauerhaft hineingeschrieben hat. Im übertragenen Sinn „eingraviert“ hat.
So habt Ihr Gottes Zusage aus eurem Konfispruch immer vor Augen. So wie Gott euch auch immer vor Augen hat.
Amen.